Le grain de la voix (2009)




Ein Projekt von canto battuto in Zusammenarbeit mit blablabor

„Avantgarde ist immer dann anzutreffen, wenn es der Körper ist, der schreibt, und nicht die Ideologie.“ (Roland Barthes)




Das Projekt

Zwei Jahre nach der aufsehenerregenden Zweipersonenoper "im delta der wörter" präsentiert canto battuto wiederum eine Produktion zum Thema Sprache: In "le grain de la voix" sind die Sängerin Eva Nievergelt und der Schlagzeuger Christoph Brunner zusammen mit dem Elektroniker Martin Lorenz in zwei Uraufführungen zu hören, in denen den Stimmbändern aufs Maul geschaut wird.

Der Engländer Sam Hayden vertonte einen Ausschnitt aus Le plaisir du texte  von Roland Barthes, der die Spannung zwischen der Bedeutung der Wörter und ihrem Klang auslotet. Barthes war fasziniert von einem Gesang, der mit dem Körper des Sängers eins ist, der aus der Tiefe der Stimmhöhlen, Muskeln und Knorpeln kommt. Die Körnung der Stimme verkörperte für ihn die erotische Anziehung schlechthin: "Ich suche die mit Haut bedeckte Sprache; einen Text, bei dem man die Rauheit der Kehle, die Patina der Konsonanten, die Wonne der Vokale; eine ganze Stereophonie der Sinnlichkeit hören kann." Verstärkung und elektronische Verarbeitung ermöglichen es, die Stimme auf intime Distanz zum Zuhörer zu bringen und sie vielfältig mit den instrumentalen Klängen des Schlagzeugs zu mischen. In den überaus körperbetonten Instrumenten manifestiert sich so die Körnung des Textes.

An dieser Körnung arbeitet auch das Künstlerduo blablabor: In hirsch hirn hornisse werden Radioapparate mit Wortklängen aus iPods gespiesen, sie röhren wie Hirsche ins Tal. In einer simultanen Übersetzung wirbelt und kratzt der Schlagzeuger diesen entgegen und die Sängerin wirft mit Onkel- und Tanten-Wörtern um sich. Eine Topografie der Sprache entsteht: Pulse, Rhythmen, Melodiefragmente  wachsen zu ganzen Wiesen mit Grasnarben, schroffen Abbrüchen, erratischen Blöcken; zu Teppichen aus Radiorauschen, zu sich auftürmenden Vokalhügeln, zu tief ins Land sich fressendem Triangelklingelingen.



La chanteuse Eva Nievergelt et le percussionniste Christoph Brunner présentent leur nouveau projet. En s’associant à Martin Lorenz (sons électroniques), ils présentent deux créations où la voix est examinée sous toutes ses coutures.

L’anglais Sam Hayden met en musique un extrait de „Le plaisir du texte“ de Roland Barthes, qui explore la relation entre la signification des mots et leur sonorité. L’écrivain était fasciné par le chant qui fait unité avec le corps du chanteur, résonnant dans la boite cranienne et venant des profondeurs du corps, mettant en jeu chaque muscle et tous les cartilages. Pour lui, le grain de la voix incarne par excellance le pouvoir de l’attraction érotique.

C’est sur ce même grain de voix que travail le duo d’artistes blablabor. Dans la pièce „hirsch hirn hornisse“  des appareils radios alimentés par des signaux venant d’Ipods, sont diffusés pendant que le percussionniste en livre une traduction simultanée par des roulements et des grattements, et que la chanteuse lance des mots autour d’elle. Il en résulte une topographie de la langage: pulsation, rythmes ou fragments de mélodies se développent en évoquant des prairies étendues, des pentes arides, ou des parois de bruits radiophoniques. S’érigent alors des colonnes de sons vocaux qui s’affaissent en sons de triangles mordant la poussière...


Sam Hayden (London): Actio (2001, rev. 2008)
für Stimme, Schlagzeug und Live-Elektronik
nach einem Text von Roland Barthes
komponiert im Auftrag von canto battuto; Uraufführung
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blablabor (Zürich): hirsch hirn hornisse (2007-08)
für eine Sängerin, einen Schlagzeuger und 60 Radiogeräte
komponiert im Auftrag von canto battuto; Uraufführung
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In le grain de la voix (auf Deutsch „Die Körnung der Stimme“) steht der physisch-direkte Ausdruck sowohl der Stimme als auch des Schlagzeugs im Zentrum. Ziel ist nicht die Klarheit der Botschaften, sondern die Verknüpfung von Körper und Sprache; eine „Stereophonie der Sinnlichkeit, die einem die Rauheit der Kehle, die Patina der Konsonanten, die Wonne der Vokale“ hören lässt (Barthes).

In Sam Haydens actio wird dies nicht nur durch ein mehrfaches Abtasten des zugrundeliegenden Textes erreicht, sondern auch durch die vergrösserte Präsenz von ganz nah aufgenommen vokalen und instrumentalen Klängen. Das Verfahren gleicht einem akustischen Scanner und rückt die Klangquellen - den Körper der Sängerin, die Instrumente des Schlagzeugers - ganz nahe an das Ohr des Zuhörers. Der Begriff „das klingende Material“ wird quasi beim Wort genommen.

Ausgangspunkt für das Geschehen von hirsch hirn hornisse sind elf Fragen und Feststellungen in vier Sprachen. Mit einem von blablabor entwickelten Übersetzungsverfahren destillieren die Sängerin und der Schlagzeuger aus der gesprochenen Sprache Melodien, Rhythmen und Gesang. Die Semantik wird vorübergehend ausgeschaltet um zu einer Topographie der Sprache zu gelangen. Mit dem Verlust einer inhaltlichen Bedeutung zeigt sich die Sprache als eine Landschaft mit Schluchten, Ebenen, Bergen und Tälern.



Das Team

canto battuto: Produktionsleitung, Interpretation
Eva Nievergelt, Stimme
Christoph Brunner, Schlagzeug

blablabor: Spracharbeit, radiophonische Produktion
Annette Schmucki
Reto Friedmann

Sam Hayden: Komposition
Martin Lorenz: Elektronik, Klangregie


Dokumentation le grain de la voix
Flyer le grain de la voix


Aufführungen

14. Januar 2009: Theatersaal Rigiblick Zürich, Premiere
www.theater-rigiblick.ch

17. Januar 2009: Rennweg 26 / Espace culturel Biel/Bienne

25. Januar 2009: Theater Interface Sion (Forum Wallis)

27. März 2009: Alte Feuerwache Köln (IGNM)

2. April 2009: Gare du Nord Basel

28. Oktober 2009: Temple Allemand La Chaux-de-Fonds (Centre de Culture ABC)

29. Oktober 2009: Nordportal Baden www.gnombaden.ch


20. November 2009: Sussex University Brighton

22. November: Huddersfield Contemporary Music Festival, Dernière




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